Hilfsmittel. Segen oder Fluch?

Immer wieder taucht sie in unseren Selbstverteidigungskursen auf, die Frage nach Hilfsmitteln. Die Meinungen zum Einsatz von Hilfsmitteln in der Frauen-Selbstverteidigung gehen unter Fachleuten weit auseinander. In einem sind sich aber alle Experten einig: wenn professionelle Hilfsmittel zum Einsatz kommen,  muss der Umgang zwingend vorab geübt werden. Gerade in Stresssituationen sind diese sonst nicht einsetzbar und werden im schlimmsten Fall sogar entwendet und gegen den Verteidiger eingesetzt.

Hilfsmittel ersetzen auch keine Präventions-, Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungsmaßnahmen, sondern “helfen” gegebenenfalls die gewählten Strategien nachhaltiger durchzusetzen.

Hilfsmittel in der Selbstverteidigung

Wir unterscheiden zwei Arten von Hilfsmitteln:

Alltägliche Hilfsmittel

Alltäglich Hilfsmittel sind solche, die wir eh mit uns führen oder die – je nach örtlicher Gegebenheit – zur Verfügung stehen. Das können z.B. sein: Schlüssel, Taschen, Rucksack, Regenschirm, Zeitung, Buch, Kugelschreiber, Schuhe, Gürtel, Smartphone, Powerbank, Kindle, Flaschen, Spraydosen, brennende Zigaretten, Sand, Steine, Bestecke, Luftpumpe, Stühle, etc.

„Professionelle“ (gekaufte) Hilfsmittel

Hilfsmittel, die zur Selbstverteidigung/Abschreckung hergestellt und mitgeführt werden. Dazu zählen z.B. Pfefferspray (offiziell nur zur Tierabwehr zugelassen), Schlagstock ( Achtung Waffenrecht), Elektroschocker, Kubotan/Tactical-Pen, Tactical-Spoon, GECK.O, Schrill-Alarm, Trillerpfeife etc.

Wesentliche Vorteile von Hilfsmitteln:
  • Durch die Verlängerung der Reichweite wird ein wesentlicher körperlicher Nachteil der Frau ausgeglichen.
  • Die eigenen Extremitäten werden geschont (z.B. die Hand wird beim Schlagen nicht verletzt).
  • Die Verteidigerin erzielt eine härte Wirkung im Ziel (z.B. Hammerfaust oder Nervendruck mit Kubotan).
  • Der Angreifer kann durch den Einsatz von Hilfsmitteln zusätzlich abgeschreckt oder abgelenkt werden.
  • Die Verteidigerin erfährt mehr mentale Sicherheit (Selbstsicherheit, Mut zur Gegenwehr).
  • Aufmerksamkeit kann erregt und Hilfe gerufen werden.
  • Hilfsmittel sind verfügbar.
  • Die körperliche Unterlegenheit der Frau kann ausgeglichen werden (Kraft, Reichweite, Größe).
Wesentliche Nachteile von Hilfsmitteln:
  • Hilfsmittel können entwendet und gegen die Verteidigerin eingesetzt werden.
  • Die Verfügbarkeit verführt zu trügerischer Sicherheit.
  • Die Verteidigerin kann resignieren, wenn ihr das Hilfsmittel abgenommen wird.
  • Mangelnde Übung im Umgang mit dem Hilfsmittel. Das Hilfsmittel kann eventuell nicht oder nicht richtig eingesetzt werden.
  • Die „Waffen der Frau“ werden völlig vergessen.

Fazit:

Hilfsmittel können das subjektive Sicherheitsgefühl und damit auch die Bereitschaft zur Selbstverteidigung  erhöhen. Selbstverteidigungstechniken können (bei richtiger Anwendung und Übung) verstärkt oder sinnvoll ergänzt werden. Techniken werden durch Hilfsmittel nur verstärkt und müssen mit und ohne Hilfsmittel funktionieren. Hilfsmittel vermitteln aber auch ggf. eine trügerische Sicherheit – eine falsche Anwendung kann kontraproduktiv sein. Wir schätzen allerdings den Effekt der Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft (sich verteidigen wollen und es auch zu tun) wichtiger ein, als die angeführten Nachteile. Kriminalstatistiken zeigen, dass Übergriffe auf Frauen zu über 80% abgebrochen werden, wenn sich die Frau nachhaltig wehrt.

Aus diesem Grunde üben wir den richtigen Umgang mit ausgewählten Hilfsmitteln in unseren Selbstverteidigungskursen mit Frauen, ohne die Teilnehmerinnen in trügerischer Sicherheit zu wiegen.

Einzelne Hilfsmittel und deren Einsatzmöglichkeit werden wird hier nach und nach vorstellen.

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